Resilienzhäppchen 21 - Menschliche Werte wiegen schwerer als Gerechtigkeit
27. März 2026 | von Kerstin Pentermann
„Ich glaube an die Gerechtigkeit.“ – Dieser Satz ist mir vor Kurzem begegnet und hat mich länger beschäftigt, als ich zunächst erwartet hätte. Denn was ist eigentlich gerecht?
Mir ist klar geworden: Gerechtigkeit ist keine feste Größe. Sie ist subjektiv, geprägt von Erfahrungen, Werten und Erwartungen. Was für den einen fair erscheint, fühlt sich für den anderen wie Benachteiligung an. Genau hier entstehen Spannungen – im beruflichen Kontext ebenso wie im privaten Leben. Während sich jemand ungerecht behandelt fühlt, kann das Gegenüber oft seine eigenen Beweggründe nicht verständlich machen. Die Waage kann auf jeder Seite gewichtiger erscheinen.
In Resilienz- und Stressmanagementtrainings wird an diesem Punkt angesetzt. Ein erster, wichtiger Schritt ist dabei: sich nicht sofort über empfundene Ungerechtigkeit zu ärgern. Das klingt einfacher, als es ist – und ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass es Momente gibt, in denen ich am liebsten laut schreien würde. (Mein Garten kennt diese Impulse nur zu gut – auch wenn ich Rücksicht auf meine Nachbarn nehme.)
Doch im Innehalten liegt eine große Chance.
Wenn wir es schaffen, Ärger, Wut oder Frustration nicht sofort auszuleben, entsteht Raum zum Nachdenken. Raum, um die Perspektive zu wechseln.
Auf dieser Grundlage wird es möglich, das Gespräch zu suchen. Und oft entsteht dadurch echtes Gehör.
Ich glaube aber, dass der Mensch, der mit mir gesprochen hat, gar nicht Gerechtigkeit meinte. Es ging vielmehr um soziale Kälte. Um mangelnde Empathie. Oder um das Gefühl, übersehen zu werden. Und da ist die Gewichtung nur in eine Richtung denkbar. Wir können uns entweder zurückziehen, resignieren – oder wir können handeln. Für unsere Werte einstehen. Für einen respektvollen Umgang. Für das, was wir selbst als richtig empfinden.
Für mich persönlich bedeutet Resilienz nicht, alles hinzunehmen. Sondern die Fähigkeit zu entwickeln, bewusst zu entscheiden: Wann lasse ich los – und wann stehe ich auf? Denn am Ende geht es auch darum, mit sich selbst im Reinen zu sein. In den Spiegel schauen zu können und zu wissen: Ich habe entsprechend meiner Werte gehandelt.
Es beruhigt mich zu wissen, dass es Menschen gibt, die genau das tun. Die sich nicht wegducken. Die sich einsetzen. Die Haltung zeigen.
Denn genau diese Menschen sind es, die unsere Gesellschaft zusammenhalten.
Herzlichst
Kerstin Pentermann
